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Musik-Genüsse im Niemandsland

Atmosphärische Soundtracks zu noch nicht gedrehten Filmen verweben sich in der Fantasie mit hypnotisierenden Lounge- Einsprengseln. Dazwischen rocken schmutzig kurz Gitarren, Geräusche huschen wie Glühwürmchen durch die Szenerie.

Die CD „News from Babel“ der münsterschen Formation Clockworkgod ist eine musikalische Offenbarung. Die beiden Chef-Musiker DeeP. und Bitzone sorgen für einen perfekten Sound, der im Niemandsland zwischen Elektro-Pop, Triphop, Ambient, Freejazz, Funk und Wave eine eigene Nische gefunden hat.
Absolut herausragend ist das jazzige Trompetenspiel von Christian Kappe. Dazu gesellen sich die magischen Stimmen von Anna Stern und Alexandra Romary die an die Coolness der 80er-Jahre Band „Dr. Mabuse“ erinnern.

Nicht von ungefähr gelingt Clockworkgod auch mit ihrer neuen Fassung von „Welcome to the Pleasuredome“ eine erstaunliche Frischzellenkur des „Frankie goes to Hollywood“-Klassikers. Auch Nat King Coles „Nature Boy“ erfährt eine zeitgemäße Renovierung, die erstaunlich treffsicher die eigentliche Urwüchsigkeit des Songs widerspiegelt.

Die ausgezeichnet abgemischte CD fordert die Ohren positiv heraus und regt mit ihren treibenden Rhythmusarabesken, poppigen Minimalismen und den Elektro-Experimenten die Fantasie der Hörer an.
Clockworkgod gelingt zudem die Kunst, trotz tiefer, sphärischer und stellenweise recht düsterer Passagen keine Endzeitstimmung, aufkommen zu lassen. Vielmehr sorgen die Münsteraner für elektronische Kleinode.

• Peter Sauer, Ruhr-Nachrichten

Soulfreie Zone

Im Hexenkessel elektronisch generierter Musik die bewusste Reduktion zu suchen und die Melodie zu ihrem Recht kommen zu lassen – das war das Ziel des Münsteraner Duos Clockworkgod. Auf ihrer Debüt-CD News from Babel verbinden sie, das mit einem Rausch an ungewöhnlichen Klängen.

Detlef Piepke und Steffen Lilie alias DeeP. und Bitzone blicken schon auf anderthalb Jahrzehnte gemeinsamer, nicht nur musikalischer Sozialisation zurück. »Wir haben uns in einer WG kennen gelernt und haben dort eben nicht nur zusammen gewohnt, sondern auch zusammen Musik gemacht«, erzählt Detlef Piepke. »Mittlerweile ist diese WG längst in eine Gewerbe-Etage verwandelt worden. Unsere ehemaligen Zimmer sind mittlerweile das Studio, das wir benutzen.« Die beiden Produzenten haben dabei in ihrer musikalischen Entwicklung schon verschiedenste Phasen durchlaufen. »Nachdem ich Jazz anfangs zum Kotzen fand«, erinnert sich Piepke, »habe ich dann zu Beginn einer Jazzphase begonnen, Jazzgitarre zu studieren. Das hat mich auch durchaus begeistert. Nach einiger Zeit war mir die Musik, die ich spielte, aber von der harmonischen Struktur her zu kompliziert. Die modale Spielweise interessiert mich nach wie vor, aber in einem Takt durch fünf verschiedene Harmonien zu stürmen, darin sehe ich keinen Sinn mehr.«
Steffen Lilie hat Gesang gelernt und war jahrelang als A-cappella-Sänger tätig. »Aber natürlich hat man irgendwann keine Lust mehr, die Musik von anderen Leuten zu begleiten«, meint er. Währenddessen war Piepke auf einem ganz anderen Feld zugange: Er hat Computerspiele vertont. »Dabei interessiere ich mich überhaupt nicht für Computerspiele«, lacht er. »Ein Kollege von mir, der Hardcore-Gamer und Musiker ist, hat mich darauf gebracht. Ich habe hauptsächlich Autorennspiele vertont, das heißt, die Musik musste schnell und hart sein, was ich gerne gemacht habe. Aber aufgrund der Konzentration auf dem Spielemarkt ist mein Partner pleite gegangen.« Grund genug, sich zusammenzusetzen und endlich die eigene Musik zu verwirklichen – ohne Vorgaben. »Am Anfang sind wir ganz bewusst ohne Konzept vorgegangen«, erzählt Steffen Lilie. »Wir haben uns nur ein paar Regeln gesetzt – und das waren eigentlich Ausschlusskriterien. Wir hatten keine Lust auf ein Plagiat. Wenn sich also etwas, das bei uns entstand, nach jemand anderem anhörte, haben wir darauf verzichtet. Wir haben auch völlig ohne kommerzielle Interessen losgelegt, eine Veröffentlichung war eigentlich überhaupt nicht geplant.«Das Ergebnis war dann allerdings zu gut, um es in der Schublade zu lassen. Also haben Clockworkgod es angeboten … und die Hamburger Firma Skip hat zugegriffen.

News from Babel überzeugt vor allem durch seine atmosphärischen Qualitäten. Hier sind in der Tat keine wild gewordenen Knöpfchendreher am Werk, sondern Musiker, die den Song zu seinem Recht kommen lassen und jeden einzelnen Track gemäß seiner Intention in seinem eigenen Klang stehen lassen. Dass dabei vor allem düstere und melancholische Klänge im Vordergrund stehen, liegt für Clockworkgod auf der Hand. »Es gibt keinen Grund, nicht melancholisch zu sein«, meint Steffen Lilie, und Detlef Piepke ergänzt: »Unsere Musik entsteht vor allem abends und nachts, wenn es draußen dunkel ist. Vielleicht ist deshalb alles in Moll.«

Ob man ihren Sound nun als TripHop, Electronic Listening oder Jazz bezeichnet, ist Clockworkgod eigentlich egal. »Diese ganzen Kategorisierungen nerven uns eigentlich«, bestätigt Steffen Lilie. »Das ist eins der Hauptprobleme von Popmusik, dass sie mittlerweile in viel zu viele verschiedene Subszenen zerfällt. Die ganze Übervielfalt sollte wieder runtergebrochen werden, und vielleicht können wir mit unserer Musik ja dazu beitragen.« Zudem haben Clockworkgod im Internet bereits die Erfahrung gemacht, dass ihre Musik von den unterschiedlichsten Szenen goutiert wird. »Die Musik spricht Leute aus allen möglichen Richtungen an«, meint Steffen Lilie. »Da haben wir etwas erreicht, was wir intendiert haben.«

Neben zehn eigenen Stücken enthält News from Babel auch zwei höchst interessante Cover-Versionen. Die eine ist der Jazz-Standard »Nature Boy«. »Dass das ein so genannter Jazz-Standard ist, war mir gar nicht bewusst«, erzählt Steffen Lilie. »Ich habe die Nummer auf einer Jon-Hassell-Platte gehört und fand die Melodie so schön, dass wir unbedingt etwas damit machen wollten. Eigentlich haben wir nur die Tonlängen verändert, das heißt, wir haben die Töne manchmal extrem verlängert, um wirklich die Qualität dieser Melodie zum Tragen kommen zu lassen. Jazzer huschen da so durch, deshalb kann man die schöne Phrase bei ihnen manchmal kaum erkennen.«
Das andere Cover ist das ausufernde » Welcome to the Pleasuredome« von Frankie Goes To Hollywood. »Die Nummer ist ja im Original fünfzehn Minuten lang«, holt Steffen Lilie aus. »Unsere Grundidee war eigentlich nur, den guten Beat aus einem bestimmten Teil zu verwenden und eine kurze Popnummer daraus zu machen. Davon ist dann aber nichts übrig geblieben. Die Essenz des Textes und Reste der harmonischen Struktur sind aber noch vorhanden.«

Höchste Zeit, die musikalischen Gäste des Albums zu erwähnen, denn News from Babel ist keineswegs reine Maschinenmusik. Da ist zuallererst der Trompeter Christian Kappe, dessen melancholischer Sound für das Album essenziell ist. »Wir sind beide in die Trompete verliebt«, gesteht Detlef Piepke. »Ein Soloinstrument war ausdrücklich erwünscht.« Des Weiteren sind in einigen Stücken der Gitarrist Ladwig und Tobias Sudhoff am E-Piano zu hören.
Und da neben der männlichen auch noch eine weibliche Stimme zum Album gehören sollte, hören wir Anna Stern, die außerdem auch die Lyrics verfasst hat und Alexandra Romary singen und sprechen.
Da hatten Clockworkgod ganz eigene Vorstellungen. »Wir sind eine soulfreie Zone«, meint Detlef Piepke. »Was wir also auf keinen Fall wollten, war so eine weibliche Soulstimme, wie sie bei elektronischer. Musik ganz oft vorkommt.« »Genau, keine Woa-woa-woas«, wirft Steffen Lilie ein.
Das hätte zu den kühlen Klängen, die aber dennoch eine Seele haben, auch nicht gepasst.

Zurzeit sind Clockworkgod mit der Live-Umsetzung ihrer Musik mit Video- Installationen beschäftigt. Spannend!

• Rolf Thomas , Jazzthetik

Der Münster in Babel

Wer Elektro in der Studentenhochburg Münster macht und mit Can, Nils Petter Molvaer, Tab Two, Kraftwerk, Massive Attack, Portishead oder den frühen Kruder & Dorfmeister verglichen wird, weiß, die Richtung stimmt.
DeeP. alias Detlef Piepke und bitzone alias Steffen Lilie verdienen ihr Geld mit dem eigenen Studio audioworX, als DJs, mit ihrer DJ-Agentur, Vertonung von Theaterstücken, Musik für Fernsehfeatures und PC-Spiele und Jingles. Im eigenen Studio basteln sie after hours auch viel aus Spaß an der Sache. So wurde die verwegene Idee umgesetzt, „Welcome to the pleasuredome“ von Frankie Goes To Hollywood zu remixen. Die Version ist so gut, dass sie ausdrückliches Lob vom FGTH-Management erhielt und zur Veröffentlichung auf „News From Babel“ freigegeben wurde. Der Remix des Fanta-4-Songs „Geboren“ sorgte für Geräusche in der Clubszene.

Clockworkgod will anders sein als viele DJs, die oftmals stumpf schal gewordene Attitüden einer bestimmten Fun-Society bedienen.
CWG wagen was. Das erklärt, warum sie sich auch an eine Bearbeitung des Klassikers „Nature boy“ von Eden Ahbez getraut haben. Ein Song, der schon so oft gecovert wurde, dass man nicht unbedingt noch etwas Neues erwartet. Das gelingt CWG aber überraschend gut.
„Wir machen seit 15 Jahren zusammen Musik. Wir haben uns in unserem Kompositionsstil sehr stark an Can orientiert. Wie Can versuchen wir, wenn wir eine Nummer entwerfen, eine Struktur zu schaffen, die wirklich die Reduzierung auf das Wesentliche ist, um dann wieder aufzubauen, was über der Basis passieren kann, ähnlich wie das Holger Czukay und Irmin Schmidt entwickelt haben“, erklärt DeeP. den typischen CWG-Workflow.

Mit Christian Kappe am Flügelhorn und an der Trompete sowie Christian Sudhoff haben sich CWG gestandene Verstärkung aus dem Jazzbereich ins Studio geholt – sie haben für Jasper van’t Hof, Charlie Mariano und Barbara Dennerlein gearbeitet. Anna Stern als Sprecherin und Texterin, Gitarrist Ladwig sowie die französische Sängerin Alex Romary von Belle Etoile komplettieren das interessante Lineup.

DeeP. und bitzone sind Überzeugungstäter: „Pop muss wieder das Wort ergreifen für eine neu formierte kulturelle Balance.“ Starke Worte.
Das ist natürlich mit Erfolgen im Rücken am besten umzusetzen. Über die gute Vernetzung im Clubbereich sind die machbar. Und die Passion der Münsteraner muss ja nicht im Turm enden.

• Ludwig Jurgeit , Jazzpodium

Jazzthing

Wenn‘s nicht so abgestanden klänge, könnte man das hier gut TripHop nennen.
Was die beiden Münsteraner Produzenten DeeP. und Bitzone zusammen mit dem Trompeter Christian Kappe zusammengebraut haben, erinnert an die Nighthawks – nur dass Clockworkgod sich wesentlich bösartiger anhören.
Da schabt, reibt und knarrt es an allen Ecken und Enden und die Stimme von Gastsängerin Anna Stern ist auch kein großer Trost: Sie klingt eisig. Frau Stern ist übrigens auch eine äußerst begabte Texterin und vielleicht ist es ja wirklich mal wieder Zeit für die großen Fragen: „How do you want to live? And where do you want to die?“ fragt sie in „No Is Not Enough“.

Der Beliebigkeit gegenwärtiger DJ-Musik setzen Clockworkgod jedenfalls ein paar scharfe Statements entgegen. Und mit ihrer Lesung von Frankie Goes To Hollywoods „Welcome To The Pleasuredome“ ist ihnen ein Meisterstück gelungen.

Clockworkgod schaffen es, in einer eigentlich ausgereizten Ecke noch einmal etwas Neues zu kreieren: sollte man nicht unbedingt allein und im Dunkeln hören.

• rt, Jazzthing